Knowledge is Power- Intellekt und Empathie beim Training

Von Jan Markus Adams

Der Artikel ist Alfred Adams und Matthias Werner gewidmet. Ich danke euch!

“Trainers get old and have old ideas.” (Wassili Alexejew)

Als ich angefangen habe Hanteltraining zu betreiben, war ich bestrebt ein System zu finden, nach dem ich dogmatisch trainieren kann. Also eines, das als allgemeingültig angesehen werden kann und für jeden Menschen wirkt.

Damals hatte ich zwei Quellen des Wissenserwerbs: Bodybuildingzeitschriften und meinen Vater, der jahrelang am Bau gearbeitet und mit Gewichten trainiert hat. Immer wenn ich ihn fragte, wie ich am besten Muskeln und Kraft aufbauen könnte, sagte er mir so Sachen wie ich solle auf meinen Körper hören und nach Gefühl trainieren. Das war äußerst unbefriedigend. Also hielt ich mich an die Bodybuildingzeitschriften.

Die Magazine machten es mir relativ einfach. Die Ernährungstipps waren auf mathematische Formeln reduziert und auch die Trainingsprogramme erinnerten stark an Zahlenspiele. Dadurch entstand bei mir das Gefühl von Klarheit, nach dem ich suchte. Die Konzepte unterschieden sich zwar mal mehr mal weniger, je nach dem, wer sie entwickelt hatte und welche Theorie ihnen zugrunde lag. Doch das allgemein anerkannte Menschenbild war bestimmt davon, dass alle Menschen in ihren körperlichen Bedürfnissen als gleich angesehen wurden und die Erfüllung dieser auf eine Formel herunterzubrechen sei.

Ich bemühte mich, die dort vorgestellten Programme und Methoden zu verstehen und deren Kern zu erfassen. In diesem Rahmen wendete ich meine Theorien auf mein Training an und gestaltete meine Pläne. Dabei war mir von vorneherein die wissenschaftliche Seite des Krafttrainings wichtig. Ich wollte lieber in Kauf nehmen weniger sportliche Erfolge zu feiern, dafür aber einen Erkenntnisgewinn erlangen. Mein jeweiliger aktueller Erkenntnisstand stellte damals immer das Dogma dar, nach dem ich strebte und das ich für die nächste Zeit als Nonplusultra des Trainings ansah.

Im Lauf der Zeit vergrößerte ich die Bandbreite der Zeitschriften, die ich studierte und entwickelte ein Schneeballsystem, durch das ich an weiterführende Literatur gelangte. Dabei erwies sich einige Jahre danach das Internet als unglaubliche Bereicherung, ohne die mir Vieles versagt geblieben wäre. Dank Google konnte ich mich zum eifrigen Sammler von Kraftsport- und Ringkampfliteratur entwickeln und ein nettes kleines Archiv anlegen. Über die Jahre verschaffte ich mir die Möglichkeit zahlreiche Trainingssysteme und –konzepte, sowie die sie nutzenden Sportler miteinander zu vergleichen und bei Bedarf zu rekapitulieren.

Mein eigenes Training entwickelte sich im Rahmen meines Wissens immer klarer, da ich konkrete Ziele formulieren lernte bzw. Ausschlußkriterien für gewisse Methoden anlegen konnte. Nachdem ich häufig in der Praxis festgestellt hatte, dass „garantiert erfolgversprechende“ Methoden für mich nicht funktionierten, erlangte ich ein zunehmend besseres Körpergefühl und dadurch ein Einschätzungsvermögen gewisser Empfehlungen. Dies war zeitsparend und beugte Verletzungen vor.

Ein weiterer Meilenstein auf der Suche nach Wissen war das Grapplingtraining beim Mainzer Verein Suum Cuique und dessen Trainer Matthias Werner. Dort erfuhr ich am eigenen Leib wie essentiell individuelles Training ist. Es gibt für jeden Kämpfer, je nach Charakter und Körper, Techniken und Bewegunsmuster, die sinnvoll oder schädlich sein können. Kampftechniken, die Matthias dem einen Kämpfer nahelegt, untersagt er einem anderen. Und wer sich daran hält, wird definitiv besser. Ebenso variiert er die Ausführung gewisser Techniken von Kämpfer zu Kämpfer und hat für jeden individuelle Tipps zur Verfügung, wenn diese benötigt werden. Zusätzlich beobachtet er die Kampfweisen der Außenwelt um seine Techniken dergestalt zu variieren, dass sie anderen überlegen sind. Es geht nicht darum ein System zu predigen, dem sich alle unterwerfen müssen. Es geht darum, ein Konzept an Situationen anzupassen um Individuen diese bestehen zu lassen.

So sind stets Entwicklungsprozesse im Gang und ein vermeintlicher Stillstand wird genutzt zu Analyse, Reflexion und Planung. Matthias vereint sämtliche Fähigkeiten, die ein guter Trainer benötigt: die Erfahrung einen Weg gegangen zu sein, dabei Wissen erlangt zu haben und dieses angemessen, also individuell, vermitteln zu können.

Ich bin dankbar für das Wissen und die Fähigkeiten, die Matthias mir vermittelt hat und dankbar dafür, ihn meinen Grapplingtrainer nennen zu dürfen. Und gleichzeitig bin ich froh darüber mein Kraft- und Ausdauertraining stets alleine gestaltet zu haben. Durch diese Mischung kenne ich die Perspektive des Trainierenden und des Trainers und weiß, wie man die jeweilige Rolle zielführend mit Leben füllt.

Mittlerweile befasse ich mich seit 24 Jahren mit Sportlern und deren Training. Auf der Suche nach einem Dogma wurde ich immer wieder auf mich selbst zurückgeworfen. Ich hätte es mir gerne einfach gemacht und ein überlegenes System abgearbeitet. Doch stattdessen musste ich erkennen, dass jedes System nur so gut ist, wie es zum Ausübenden Sportler passt. Es gibt kein überlegenes Trainingssystem, das eine Unterordnung der Sportler einfordert. Überlegen sind jene Systeme, die den Sportler als Individuum erkennen und auf dessen Bedürfnisse eingehen. Aktuell ist für mich daher die indische Gesundheitslehre Ayurveda von besonderem Interesse, aus der Yoga und Vyayam, das Trainingssystem der indischen Ringer, entwickelt wurden. Beim Vyayam erhält jeder Ringer von seinem Trainer individuelle Trainings- und Ernährungsempfehlungen, die auf die körperliche Konstitution abgestimmt sind.

Schließlich war ich sogar soweit, den Wert der Empfehlung meines Vaters erkennen zu können. In ihr steckt alle Einfachheit und Effizienz, nach der ich mich sehnte, die anzunehmen ich mich jedoch jahrelang nicht getraut hatte:

„Hör‘ auf deinen Körper, der sagt dir schon, was er braucht.“

Das heutige Wissen über Training ist ein Schatz, der einen unermesslichen Reichtum darstellt und aus Lernen und Forschen geschöpft wird. Es gibt eine Fülle an Übungen, Methoden, Techniken und Konzepten, die im Verborgenen schlummert und bei Bedarf an die Oberfläche geholt werden kann. Herausforderung und Reiz des Trainers bestehen darin, den Trainierenden als Individuum zu erfassen und das Training so anzupassen, dass jeder sich darin erleben kann und Ziele zu verwirklichen vermag.

Wissen ist Macht.

 

 

One Comment on “Knowledge is Power- Intellekt und Empathie beim Training

  1. Hallo Jan, toller, abgerundeter Artikel. Freue mich auf meine Trainingsstunde bei dir!
    Weiterhin viel Erfolg für dein Konzept und deinen unermüdlichen Einsatz! Weiter so! Ganz lieben Gruß von deiner Mutter

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